01.06.2021  REWE Final4

Der THW will das „längste Triple aller Zeiten“

Im Magazin „7 – Bock auf Handball“ hat Filip Jicha einen bemerkenswerten Gedanken verraten: „Ich möchte ein Trainer sein, von dem die Spieler glauben, sie bräuchten mich nicht, sie schaffen es auch ohne mich.“

Jicha ist als Cheftrainer immer noch ein Anfänger, macht den Job beim THW Kiel erst in seiner zweiten Saison. Warum sagt er sowas? „Denn dann wären wir auf dem richtigen Weg. Weil wir dann genau die Charaktere hätten, die in schwierigen Situationen die Initiative übernehmen werden, und die uns da rausziehen werden.“

Nun, schwierige Situationen sind Jichas täglich Brot. Nicht nur wegen der Corona-Pandemie, die im Handball die Belastungen noch weiter erhöht hat. Beim THW reicht pures Durchkommen nicht, Abducken in der 2. Reihe. Nicht möglich in Kiel, nicht gewünscht in Kiel. 

Siege müssen es sein. Und Titel. Jedes Jahr. Immer wieder, immer mehr. Der Dauerdruck ist die Grund-DNA des Klubs. Und genau so liebt es Jicha. Als der THW in der Vorsaison die Champions League gewann, da sagte Jicha: „Wer jetzt zufrieden ist, der kann gehen.“ Wer Jicha kennt, der weiß, dass das für ihn keine markige, leere Phrase ist. 

Verteidigt der THW beim REWE Final4 2020 seinen Titel aus 2019, dann wäre das der 12. Pokaltriumph für den deutschen Rekordmeister und Rekord-Pokalsieger. Das griffige Dutzend soll komplettiert werden. 

Damit wiederum könnte der THW sich noch als „Triple-Sieger“ feiern – nach Meistererfolg und Champions-League-Triumph 2020. In Kiel erwogen sie deshalb, ein T-Shirt zu drucken, mit einer Aufschrift wie: „Das längste Triple aller Zeiten“.

Nicht nur das: der THW bot seinen Fans auch „Sofa-Fanpakete“ an: stilecht mit Eintrittskarte, Schal, Klatschpappe und Süßkram. Grund: wer den THW wegen Corona schon nicht in vollen Hallen zum Sieg brüllen kann, der soll wenigstens auf dem heimischen Sofa Fan-Feeling spüren.

Der THW musste im Vorjahr mächtig bangen, um es überhaupt in REWE Final4 2020 zu schaffen. 35:34 in Stuttgart im Viertelfinale (einschließlich Feueralarm wegen brennender Wurstbude). Davor beim 26:25-Achtelfinal-Erfolg in Wetzlar lag der THW genau einmal in Führung. Halt durch Hendrik Pekelers Treffer zum Endstand von 26:25.

Fraglos hat der THW einen Top-Kader. Aber richtig ist auch: Kein Team beim REWE Final4 2020 wurde in den vergangenen Monaten mehr gefordert. Kiel tritt nicht voller Kraft in Hamburg an. „Aber natürlich ist die Titelverteidigung unser Ziel“, sagt THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi. 

Beim THW steht man nicht auf Ausreden und Ausflüchte. Selbst, wenn es Gründe dafür gäbe. Auch in schwierigen Zeiten sind Siege und Titel die wichtigste Währung.

Und daher trickst Trainer Jicha. Um seinen extrem belasteten Spielern mal zumindest einen freien Tag zu ermöglichen, ließ er unlängst eine Krafttraining-Einheit direkt nach einem Spiel absolvieren. Nur, damit der nächste Tag frei sein konnte.

In Hamburg wollen die Kieler allerdings nach dem letzten Abpfiff des REWE Final4 2020 keine Gewichte stemmen – dann wollen sie nur den DHB-Pokal stemmen.

Foto: Sascha Klahn