03.06.2021  REWE Final4

"Ich habe keine Ahnung, was hier passiert ist!"

Ungläubigkeit und pure Freude auf der einen Seite - große Enttäuschung auf der anderen. Die Akteure des Tages melden sich zu den Halbfinalpartien zu Wort. Jonathan Carlsbogard freute sich über die Rückkehr der Fans und blickte direkt auf das große Finale morgen. Die Sky-Experten schwärmen von der zweiten Halbzeit des TBV. Außerdem äußert sich Fabian Böhm zur roten Karte.

Florian Kehrmann (Trainer TBV Lemgo-Lippe) ... 

... zum Spiel: „Wir haben versucht, den Jungs einzutrichtern, dass sie sich das schon vor eineinhalb Jahren verdient haben. Dass wir dann so eine zweite Halbzeit hinzaubern… Wir waren zur Pause für ganz Handball-Deutschland glaube ich schon tot. Die Jungs haben weiter an sich geglaubt und Stück für Stück herangekämpft. Kiel hat im zweiten Abschnitt in etwa die Fehler gemacht, die wir in der ersten Halbzeit gemacht haben. Wir standen in der zweiten Hälfte sehr konsequent in der Abwehr und haben sie vor viele Schwierigkeiten gestellt und hatten dann einmal eine Phase, in der wir vier oder fünf Angriffe ohne Gegentor gefahren haben. Das war der Schlüssel zum Sieg.“ 

… zur Halbzeit-Ansprache: „Wir haben vor dem Spiel viel über Leidenschaft und Herz gesprochen. Da haben wir gesagt, dass wir mindestens 20 Prozent mehr davon brauchen als Kiel, weil sie individuell besser besetzt sind. Ich denke, die Jungs hatten im ersten Abschnitt zu viel Angst und Respekt. Ich habe ihnen gesagt, dass sie weiter Herz zeigen sollen, ganz egal, wie das Spiel ausgeht. Sie sollten nicht aufgeben. Aber ganz ehrlich: Auch das klappt nur in einem von zehn Fällen. Ich musste sie auch erstmal wieder aufrichten. Sie waren vor dem Spiel so fokussiert und hatten sich so viel vorgenommen.“ 

Filip Jicha (Trainer THW Kiel) zum Spiel: „Es ist das eingetreten, was es in solchen Pokalspielen immer gibt: eine gewisse Brisanz. Wir haben unsere Leistung in der zweiten Halbzeit einfach nicht gebracht. Wir haben - vielleicht unbewusst - angefangen, unsere Kräfte zu sparen. Die Chancenverwertung hat uns dann zusätzlich den Zahn gezogen. Wenn du am Ende nicht über die volle Distanz deine Leistung bringst, dann wird es einfach schwer. Die Abwehr war in Ordnung, der Angriff hat uns dann vor Probleme gestellt.“ 

Jonathan Carlsbogard (TBV Lemgo-Lippe) … 

… zum Spiel: „Ich habe keine Ahnung, was hier passiert ist. In der ersten Halbzeit haben wir zu viele Fehler gemacht und Kiel dadurch Tore geschenkt. In der zweiten Halbzeit war es dann genau andersrum. Wir haben konsequent im Angriff gespielt und nicht so viele Fehler gemacht. Wir haben es einfacher gehalten und dann auch die Abwehrleistung gesteigert. Peter im Tor hat uns dann auch viel geholfen.“ 

… zur Rückkehr der Fans: „Es ist das beste Gefühl, die Fans wieder mit der Halle zu haben. Es waren jetzt so viele Monate und es tut einfach unglaublich gut.“ 

… zur Vorbereitung auf das Finale: „Wir müssen jetzt nach Hause, essen und schlafen. Und uns dann natürlich auf das nächste Spiel vorbereiten. Wir sind noch nicht fertig. Aber wir müssen an uns glauben.“ 

Bjarki Mar Elisson (TBV Lemgo-Lippe) … 

… zum Spiel: „Ich kann es immer noch nicht glauben. Nach der ersten Halbzeit waren wir tot. Ich weiß nicht, wie wir das geschafft haben, aber ich bin so stolz auf diese Mannschaft. Das ging nur mit dieser Teamleistung.“ 

… zur Feier mit den Fans: „Wir haben die Fans lange nicht gesehen und freuen uns, dass sie wieder mit dabei sind. Aber wir wollen am Freitag den Pokal gewinnen. Gegen Kiel haben wir das überragend gemacht, aber jetzt müssen wir Kräfte sammeln, um im Finale dann wieder voll da zu sein.“ 

… zur Halbzeit-Ansprache von Trainer Kehrmann: „Er hat einfach gesagt, wir sollen Spaß haben. Wir sind hier in Hamburg, haben Fans dabei und spielen in einem geilen Wettbewerb mit einer geilen Atmosphäre. Er hat gesagt: ‚Lasst uns das genießen‘“ 

Domagoj Duvnjak (THW Kiel) zum Spiel: „Ich bin geschockt. Wir haben eine sehr gute erste Halbzeit gespielt. Nach der Pause sind wir aber nicht so gut wieder rausgekommen. Wir waren von Anfang an nicht da. Jede Minute wurde für uns schwerer und schwerer, es hat einfach gar nichts geklappt. Am Ende haben wir dann noch gute Chancen vergeben. Lemgo hat verdient gewonnen. Chapeau, es ist selten im Handball, dass man einen Rückstand von sieben Toren aufholt und gewinnt. Respekt. Wir waren in der zweiten Halbzeit sehr nervös, das darf nicht passieren.“ 

Peter Johannesson (Torwart TBV Lemgo-Lippe) … 

… zum Spiel: „Wir haben in der ersten Halbzeit schon nicht so schlecht gespielt. Wir haben aber die Gegentreffer zu einfach bekommen. In der Pause haben wir uns gesagt, dass wir nichts mehr zu verlieren haben und nur noch gewinnen können. Wir haben einfach gekämpft und die ganze zweite Halbzeit alles gegeben.“ 

… zur entscheidenden Parade kurz vor Schluss: „So einen Ball will man halten. Genau dafür trainiert man die ganze Woche. Dass man dann bereit ist.“ 

Fabian Böhm (TSV Hannover-Burgdorf) zu seiner Roten Karte: „Ich finde es für eine Rote Karte viel zu hart. Das ist mein persönliches Empfinden. Er ist in der Luft, aber Julius ist mit seiner Sprungwurf-Technik leider auch ein Spieler, der pro Partie zehn bis fünfzehn Mal auf dem Boden liegt. Das es da auch mal Kontakt gibt, ist normal. Es war ein harter Kontakt, das ist richtig. Ich akzeptiere die Zeitstrafe aber mit Rot bin ich absolut nicht einverstanden. Man muss auch mal ganz ehrlich sein: Wenn es einen Videobeweis gibt, für diese Aktion, dann weiß ich nicht, was diese beiden Schiedsrichter da gesehen haben. Sie haben die Chance, sich das nochmal anzuschauen und entscheiden trotzdem auf Rot. In so einem Spiel, in so einer frontalen harten Aktion. Für mich absolut nicht nachvollziehbar und echt bitter. Es tut mir Leid für die Mannschaft, dass ich die Rote Karte kriege, aber ich kann es nicht nachvollziehen.“ 

Kai Häfner (MT Melsungen) … 

… zum Finaleinzug: „Es fühlt sich sehr gut an. Es hätte zu beiden Seiten kippen können. Am Ende hatten wir das Quäntchen Glück mehr. Darüber sind wir sehr froh.“ 

… zur Roten Karte für Böhm: „Das war keine Rote Karte, ich habe die Bilder gesehen. Mir tut immer derjenige Leid, der eine Rote Karte bekommt. Die Spieler kämpfen das ganze Jahr für so ein Final Four, und hier spielen zu dürfen. Wenn man dann nicht mehr mitmachen darf, ist das schon sehr bitter.“ 

… zum Spiel: „Es war heute eine extreme Achterbahnfahrt. Wir sind nicht ganz so gut ins Spiel gekommen, danach spielen wir aber wieder super und erarbeiten uns einen Vorsprung. Den geben wir dann auch schnell wieder her und anschließend war es auf Messers Schneide. Und dann waren es die Kleinigkeiten, die heute für uns gesprochen haben.“ 

… zu Finalgegner Lemgo: „Da erwartet uns eine super Mannschaft. Wer den THW schlägt, steht denke ich vollkommen zurecht im Finale. Beide Mannschaften werden alles geben, um das Spiel zu gewinnen. Jetzt heißt es für uns zu regenerieren.“ 

Kay Holm (Spielleitung) zur Roten Karte für Böhm: „Es war eindeutig eine frontale Aktion in der Luft, in der es einen Stoß gegeben hat und eine Landung auf dem Rücken. Und das sind die Kriterien, die gesundheitsgefährdend sind. Und wenn eine Gesundheitsgefährdung gegeben ist, dann steht in den Regeln, dass es eine Rote Karte nach sich zieht. Der Videobeweis wurde eingesetzt um herauszufinden, welcher Spieler gestoßen hat. Also Rote Karte: ja, und dann Videobeweis-Einsatz um zu schauen, wer es war.“ 

Sky Experte Stefan Kretzschmar … 

… zum Spiel Lemgo gegen Kiel: „Ich weiß nicht, wen man herausheben soll. Es war eine großartige Leistung von allen Lemgo-Spielern. Kiel hat in der zweiten Hälfte wirklich keine Lösungen mehr gefunden. Sie waren im Angriff erschreckend harmlos und haben auch wahnsinnig viele Bälle verworfen. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so ein Handballspiel gesehen habe. Es war eines der größten Handballwunder, das wir in den letzten Monaten erlebt haben.“ 

… zur Roten Karte für Böhm: „Aus unseren Augen war es keine Rote Karte für Böhm. Das war für Hannover dann vor allem in der Abwehr eine Schwächung.“ 

… zur Zuschauerrückkehr (vor dem Spiel): „In Flensburg am Mittwoch waren bereits 150 Zuschauer und auch das hat schon einen Unterschied gemacht und viel Freude bereitet. Wenn man daran denkt, dass hier in Hamburg 2000 Zuschauer sind und zwischen Magdeburg und Kiel nächste Woche 1500, dann ist das schon ein Unterschied und fühlt sich wieder mehr nach Handball an.“ 

Sky Experte Pascal Hens … 

… zum Spiel Lemgo gegen Kiel: „Kiel war im ersten Durchgang so souverän. Dann ging es los, dass sie mehr gewechselt haben. Da hat es dann irgendwie einen kleinen Bruch gegeben. Ihr Zusammenspiel hat nicht mehr so funktioniert und die Abwehr von Lemgo hat sich etwas zurückgezogen und passiver agiert. Lemgo hat sich dann Tor für Tor herangekämpft und mit einer brutalen Willensleistung und einer ganz klaren Leistungssteigerung verdient gewonnen. Bei Kiel war es so, als hätte jemand den Stecker gezogen.“ 

… zum Spiel Melsungen gegen Hannover: „Nach der Roten Karte hat Hannover es trotzdem geschafft, noch mitzuhalten. Am Ende haben das Spiel die Kleinigkeiten entschieden. Es ist schade für Hannover, weil sie sich nochmal super herangekämpft haben." 

… zur Zuschauerrückkehr (vor dem Spiel): „Für uns wird es verdammt laut. Als Spieler hat man das nie so mitbekommen, aber jetzt werden wir das nach einem Jahr ohne Zuschauer sehr genießen. Ich habe mich noch nie so sehr über 2000 Fans gefreut.“ 


Quelle: SID

Foto: Klahn