19.05.2024  LIQUI MOLY HBL

Sensation im Handball-Krimi: Eisenach schlägt Flensburg

Am Samstagabend empfing der ThSV Eisenach den Tabellendritten aus Flensburg. In einem wahren Handball-Krimi schlugen stark aufspielende Eisenacher mit einem denkbar knappen 28:27 (14:13) in einem historischen Spiel den Favoriten. Für Eisenach bedeutete der erste Sieg gegen die SG überhaupt den sicheren Klassenerhalt, während Flensburg durch die Niederlage die Champions League-Qualifikation für die nächste Saison verspielte.

„Wir wollten einmal einen Großen schlagen. Das ist uns mit einer fantastischen Leistung gelungen“, erklärte ein aufgekratzter Eisenacher Kapitän Peter Walz. „Wir haben Geschichte geschrieben, erstmals gelang einer Eisenacher Mannschaft ein Pflichtspielsieg über die SG Flensburg-Handewitt“, erklärte Eisenachs Rückraumspieler Dustin Kraus. Aufgrund von Verletzungen und Krankheit half er auf beiden (!) Außenpositionen aus, steuerte mit einer 100-Prozent-Quote zwei Treffer von Rechts- und einen Treffer von Linksaußen zum 28:27 (14:13) -Erfolg des ThSV Eisenach über die SG Flensburg-Handewitt bei. „Im Training haben wir das vorbereitet“, berichtete Dustin Kraus. Linksaußen Ivan Snajder hatte sich im Training einen Mittelfußbruch zugezogen, wurde bereits operiert.

Rechtsaußen Willy Weyhrauch laboriert noch immer an Achillessehnen- Problemen und musste passen.  Moritz Ende kam praktisch aus dem Krankenbett in die Halle. „Wir haben ein Wunder geschafft. Diese Partie war der Beleg für die Entwicklung einer Mannschaft mit unglaublicher Gier und Ehrgeiz. Wir, der Aufsteiger, vor der Saison als klarer Absteiger abqualifiziert, hat nach 32 Spieltagen unglaubliche 24 Pluspunkte und damit den Klassenerhalt geschafft“, betonte ein aufgewühlter Eisenacher Trainer Misha Kaufmann. Auf dem Weg zur Pressekonferenz wurde er mit Misha-Kaufmann-Sprechchören gefeiert.  Der Schweizer würdigte seine Abwehrspezialisten Philipp Meyer und Mait Patrail. „Uns unterliefen gegen eine internationale Top-Mannschaft gerade einmal 5 technische Fehler“, stellte Misha Kaufmann heraus.

„Diese Wahnsinns-Atmosphäre in unserer Halle hat wesentlich zu dieser Sensation beigetragen“, unterstrich Eisenachs Rückraumspieler Simone Mengon, der in der Vorwoche mit Italien völlig überraschend ein Ticket für die Weltmeisterschaft gelöst hatte. Die Eisenacher Mannschaft wurde von ihrem über 3.000-köpfigen Anhang regelrecht zum Sieg getragen. Die Norddeutschen zeigten sich von der Lautstärke sichtlich beeindruckt, obwohl es in der Flens-Arena nicht gerade leise zugeht. Doch zwischen der Arena in Flensburg und dem kleinen Thüringer Handballtempel besteht ein gewaltiger Unterschied. Beim „Aktivierungsprogramm“ am Morgen in der leeren Werner-Aßmann-Halle ahnten die Norddeutschen nichts vom späteren Hexenkessel.

Keeper Mateusz Kornecki hält den Sieg fest

ThSV- Keeper Mateusz Kornecki, der bei 15 abgewehrten Bällen mit einer Fangquote von über 40 Prozent notiert wurde, parierte wenige Sekunden vor Ultimo beim Stand von 28:27 den Wurf von Lukas Jorgensen. Danach gab es für Blau-Weiß kein Halten mehr. Die Spieler lagen sich jubelnd in den Armen, ihre schon seit einigen Minuten stehenden Fans stimmten „Oh, wie ist das schön“ und Thüringens Nationalhymne, das Rennsteiglied, an. Die Mannschaft genoss ein Bad in der Menge. „Der ThSV Eisenach bot eine Top-Leistung und hat den Sieg völlig verdient. Zwei Säulen waren entscheidend. Der ThSV Eisenach spielte in der Deckung hart, aber nicht unsauber, kassierte nur zwei Zeitstrafen und hatte über die Distanz ein Vorteil auf der Torwartposition. Insbesondere in der Auftaktphase ließen wir zu viele Torchancen aus.  Eisenach spielte mit und ohne Ball mit großer Disziplin“, verteilte Nicolej Krickau, der Coach der in der nächsten Woche im Final Four der EHF European League stehenden SG Flensburg-Handewitt, ein dickes Lob an die Eisenacher.

Die geballte individuelle Qualität reichte gegen eine bravouröse Kollektivleistung nicht aus. ThSV-Kapitän Peter Walz warf sich in jeden Zweikampf, wurde mit Beifallsstürmen bedacht. Als sich die Eisenacher nach einer 13:7-Führung (22.) 10 Minuten später mit 14:15-im Rückstand sahen, Jim Gottfridson drauf und dran war, das Ruder für die Gäste herumzureißen, blieben die Eisenacher auf Kurs. Manuel Zehnder (12 Tore und Marko Grgic (7) fanden das richtige Wurfrepertoire gegen den sich steigernden Kevin Möller im Kasten des Tabellen-Dritten. Der erneut viel Verantwortung übernehmende gerade sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft feiernde 20-jährige Marko Grgic wuchtete zum 22:20 ein (44.). Ihre gewachsene Reife demonstrierten die jungen Eisenacher im Schlussgang, nach dem Flensburger Ausgleichstreffer von August Pedersen zum 25:25 (55.). Nach Foulspiel an Marko Grgic nutzten die Unparteiischen Sebastian Grobe und Adrian Kinzel den Videobeweis, schickten Johannes Golla für zwei Minuten auf die Bank.

Marko Grgic und Manuel Zehnder warfen ihr Team mit 27:25 in Führung (57.). Das Momentum lag auf Seiten des Außenseiters. Lukas Jörgensen netzte zum Anschlusstreffer für die Gäste ein (58.). Dustin Kraus überwand den ab der 48. Minuten den Gästekasten hütenden Benjamin Buric zum 28:26 (59.). Nur 14 Sekunden später traf Lukas Jörgensen zum neuerlichen Anschlusstreffer (28:27). Da waren noch 94 Sekunden zu spielen. Eine lange Zeit im modernen Handball. Den Gästen unterlief ein Stürmerfoul. Misha Kaufmann rief sein Team zur Besprechung. Sehr zum Ärgernis des Eisenacher Trainers wurde der letzte Angriffszug nicht konsequent abgeschlossen, die Norddeutschen kamen noch einmal in Ballbesitz, besprachen 11 Sekunden vor dem Ende während einer Auszeit ihren letzten Angriffszug. Der endet bei Torhüter Mateusz Kornecki und löste überschäumende Freude im Eisenacher Lager aus. Der Bann war gebrochen. Im 22 Pflichtspiel gegen die SG Flensburg-Handewitt bejubelten die Thüringer ihren ersten Sieg!

ThSV Eisenach mit 6:0-Tore-Lauf zur 8:3-Führung

Eisenachs Manuel Zehnder scheiterte nach gut zwei Minuten vom Siebenmeter-Strich, Malte Donker kassierte eine Zeitstrafe, Lukas Jörgensen netzte zum 2:3 ein (7.). Die Gäste glaubten, die Partie würde den erhofften Verlauf nehmen. Mitnichten! ThSV-Keeper Mateusz Kornecki vernagelte sein Gehäuse, seine Teamkollegen wirbelten die Gäste gehörig durcheinander, versenkten mit einem 6:0-Tore-Lauf zum 8:3 (13). Die Hausherren, mit Marko Grgic, Manuel Zehnder und Yoav Lumbroso im Rückraum, dominierten. Marko Grgic traf gar zum 13:7 (22.). Flensburgs Stratege Jim Gottfridsson setzte die Segel auf Sturm, brillierte mit seinen individuellen Qualitäten, Torhüter Kevin Möller unterstützte die Aufholjagd. Der ThSV Eisenach ging mit einer knappen 14:13-Führung in die Halbzeitpause.

Außenseiter hält Kurs

Nach Wiederanpfiff besorgte Jim Gottfridsson den Ausgleichstreffer und Simon Pytlick lochte gar zum 14:15 ein (32.). Würde die Partie nun kippen? Nein! Die Hausherren zeigten sich unbeeindruckt, hielten Kurs. Philipp Meyer (als vorgezogene Spitze) und Oldie Mait Patrail liefen in der Eisenacher Abwehr zur Hochform auf. Vorn explodierte nun Marko Grgic. Der Jung-Nationalspieler wuchtete zum 18:16 ein (37.). Den Ausgleichstreffer zum 20:20 (42.) beantworteten Dustin Kraus und Marko Grgic zum 22:20 (44.). Flensburgs Mads Mensah Larsen setzte das Leder über den Eisenacher Kasten. Und auch nach dem 24:24 (Lasse Möller, 50.) und 25:25 (August Pedersen, 55.) verfielen die Eisenacher nicht in Hektik. „Wir agierten clever und hatten zudem Mateusz Kornecki im Tor“, strahlte Simone Mengon hernach in einer „Kabine der fröhlichen Leute“. Eisenachs Geschäftsführer Rene Witte war happy. „Wir haben was ganz Großes geleistet, für uns als ThSV Eisenach und für die Menschen unserer Region. Unglaublich, diese Strahlkraft unseres Vereins.“ Fürwahr, ganz Handball-Deutschland blickt mit allerhöchster Anerkennung zu diesem lebendigen Traditionsverein unter der Wartburg.

Quelle: ThSV Eisenach / Foto: Heilwagen