28.05.2024  LIQUI MOLY HBL

Handball voll auf die Ohren – so erfolgreich ist das Projekt Audiodeskription bei HBL-Spielen

Aus einem erfolgreichen Projekt für mehr Inklusion beim DHB-Pokalfinalwochenende und beim Handball Super Cup wurde in der laufenden Saison eine wöchentliche „Sendung“: Wenn die Handball-Weltstars in der LIQUI MOLY HBL auflaufen, gibt es seit dem Start der aktuellen Saison aus mindestens einer Arena pro Spieltag auch immer eine Blindenreportage.

Das Projekt „Hör-Spiel“, die Audiodeskription von HBL-Topspielen, ist ein erster wichtiger Schritt – es gibt „Handball voll auf die Ohren“, nicht nur, aber im Speziellen für Blinde und Handball-Fans mit Seh-Beeinträchtigungen. In diesem Interview ziehen Oliver Lücke, Kommunikationschef der HBL und Sandra Farmand vom „Hör-Spiel“-Partner Deutsche Kreditbank AG (DKB) eine Zwischenbilanz und blicken voraus – denn künftig soll es einen Livestream mit Audiodeskription zu allen HBL-Spielen geben. 

Herr Lücke, für die Menschen, die noch nie reingehört haben: Was muss man sich unter Audiodeskription vorstellen? 

Oliver Lücke: Dass speziell geschulte Reporter das Geschehen auf dem Spielfeld, aber auch die Stimmung auf den Rängen mitreißend darstellen und so dafür sorgen, dass Blinde oder Menschen mit Seheinschränkung das Spiel erleben können. Wir bieten diese Blindenreportage in der Regel über einen Audioguide für Besucher der Spiele in der Arena, aber auch als Livestream im Internet für alle anderen Fans an. Und natürlich ist der Livestream über den kostenlosen Webplayer auf der HBL-Website auch für alle diejenigen interessant, die unterwegs sind und sich trotzdem bestens und authentisch informieren wollen. In einigen Vereinen hat daher die Audiodeskription schon das klassische Fan-Radio abgelöst – oder ergänzt. 

Seit wann gibt es die Blindenreportagen im Handball? 

Sandra Farmand: Gemeinsam mit dem Deutschen Handballbund und der Handball-Bundesliga haben wir 2023 bei der Weltmeisterschaft in Polen und Schweden einen ersten wichtigen Schritt gemacht. Wir starteten mit Highlight-Clips der deutschen Spiele, die 90 Sekunden Audiodeskription enthielten - eine Premiere, die für Barrierefreiheit im Handball stand.  

Nach diesem erfolgreichen Beginn erweiterten wir kontinuierlich unser Angebot. Angefangen bei ausgewählten Ligaspielen bis hin zu den Höhepunkten der DHB-Pokalspiele beim REWE Final4 2023. Der große Durchbruch kam mit der Saison 2023/24, als wir unser Angebot flächendeckend ausbauten. Der Startschuss fiel mit dem Handball Super Cup zum Saisonstart der HBL. Eine wichtige Initiative, die wir seitdem vorantreiben, ist die Integration von Blindenreportagen in die Übertragungen. An jedem Spieltag der LIQUI MOLY HBL bieten wir mindestens ein Spiel mit dieser speziellen Berichterstattung an, um ein inklusiveres Erlebnis für alle Fans zu schaffen.  

Und unsere Bemühungen gehen über nationale Grenzen hinaus. Als Partnerin der EHF haben wir das Angebot auch bei über 20 Spielen der Männer-Europameisterschaft im Januar in Deutschland realisiert. Es ist ein stetiger Prozess, aber wir sind stolz darauf, dass wir dazu beitragen, den Sport für alle zugänglicher zu machen." 

Oliver Lücke: Vorreiter unter unseren Clubs ist der SC DHfK Leipzig, der seit 2017 für alle Heimspiele eine Audiodeskription anbietet. Andere Vereine wie die Füchse Berlin haben ebenfalls sehr früh damit begonnen, blinde und sehbehinderte Handballfans mit Audiodeskription zu versorgen. In der Hauptstadt wurde bereits jedes Heimspiel der Saison 2023/24 mit Blindenreportage angeboten. Auch hier ist unsere Partnerin DKB die Kraft, die die Entwicklung für mehr Inklusion fördert. Die HBL bietet Audiodeskription seit sechs Jahren beim REWE Final4 um den DHB-Pokal und beim Handball Super Cup an.               

Welches Ziel verfolgt die Handball-Bundesliga mit dem Projekt? 

Oliver Lücke: Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen muss in allen gesellschaftlichen Bereichen selbstverständlich sein. Mit unserem Angebot im Bereich der Blindenreportage wollen wir, dass mehr sehbehinderte Sportfans in Echtzeit Handball erleben können. Diesen Weg für mehr Inklusion gehen wir mit unserer langjährigen Partnerin DKB. Gemeinsam unterstützen wir die Clubs bei diesem Angebot in der laufenden Saison. Wir verbinden mit dieser Unterstützung die Erwartung, dass unsere Clubs sukzessive eigene Ressourcen aufbauen.             

Warum engagiert sich die DKB als Partnerin derart intensiv und langfristig für das Thema Audiodeskription? 

Sandra Farmand: Unsere Verbindung zum Handballsport ist tiefgreifend. Auf der einen Seite führen wir innovative Projekte durch, die den Handballsport durch Spieldaten für alle Beteiligten transparenter machen. Auf der anderen Seite legen wir großen Wert auf den sozialen Aspekt im Handball und möchten diesen weiter stärken. Die Einführung der Audiodeskription ist ein bedeutender Schritt in diese Richtung, da sie einer kleinen Zielgruppe enorm zugutekommt. Dank detaillierter Beschreibungen von Spielzügen, Taktiken und Emotionen können sie die Spannung und Begeisterung des Handballsports erleben. Dieser Service soll auch als Impuls für Clubs dienen, weitere inklusive Angebote zu schaffen. Wir sehen ein enormes Potenzial in inklusiven Initiativen für eine Sportart, die besonders nah am Fan ist. Unsere Vision ist es, den Handballsport für jeden zugänglicher und erlebbarer zu machen, unabhängig von individuellen Bedürfnissen oder Einschränkungen." 

Die erste komplette Saison des Projekts „Hör-Spiel“ mit Audiodeskription an jedem Spieltag neigt sich dem Ende entgegen. Wie ist die Resonanz? 

Oliver Lücke: Es gibt durchweg positive Reaktionen. Bei uns und bei den Clubs. Und dabei ist es egal, ob die Nutzerinnen und Nutzer die Audiodeskription bei den Spielen live in den Arenen verfolgen oder von zuhause oder unterwegs über den kostenlosen Livestream, den wir anbieten. Sowohl das Angebot an sich, aber auch die Kompetenz derjenigen, die die Spiele kommentieren, wird sehr gelobt. Somit kann man von einer gelungenen ersten Saison sprechen. Auch, dass das Projekt flächendeckend an allen Standorten angeboten wurde, sorgt für viel positive Resonanz. Und wir sehen es auch an den Abrufen auf unserem Webplayer, dass das Angebot immer besser angenommen wird.  

Wird das Projekt „Hör-Spiel“ fortgesetzt, wie sieht die Zukunft der Audiodeskription im Handball aus? 

Oliver Lücke: Ziel in dieser Saison war es, dass jeder Bundesligist mindestens ein Audiodeskriptions-Spiel anbietet. Das ist uns gelungen. Der nächste Schritt muss nun sein, dass wir die besonders geschulten Kommentatorinnen und Kommentatoren, die wir aktuell in die Clubs entsenden, durch Kommentatorinnen und Kommentatoren ersetzen, die aus dem Umfeld der Clubs kommen. Gemeinsam mit der DKB und unserem Partner T_Ohr, der Audiodeskription in der Fußball-Bundesliga etabliert hat, bieten wir für diese Personen Schulungen an. Wir glauben daran, dass es uns so Schritt für Schritt gelingen wird, ein ligaweites inklusives Angebot zu etablieren, das sehr gut in die ausgeprägte soziale DNA des Handballs passt.                   

Sandra Farmand: Unsere Bemühungen zur Förderung des Projekts "Hör-Spiel" werden intensiviert. Wir bieten umfassende Unterstützung in allen Bereichen an, angefangen von der technischen Umsetzung über die Bereitstellung von Equipment bis hin zu Übertragungsmöglichkeiten mittels Livestream. Darüber hinaus bieten wir Schulungen für Kommentatoren an, um sicherzustellen, dass sie Spiele auf diese besonders wertvolle Weise kommentieren können. 

Unser Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Gewinnung und Befähigung von Kommentatoren für dieses wichtige Thema, insbesondere für die kommende Saison. Unser Ziel ist es, dass ab der Saison 2025/26 alle Bundesligastandorte eigenständig Audiodeskription anbieten können. Mit diesem Engagement möchten wir sicherstellen, dass der Handballsport für alle zugänglich ist und ein inklusives Erlebnis für jeden bietet. 

Foto: Klahn