29.08.2022  Pixum Super Cup

Alfred Gislason: „Ich bin stolz, wie sich Bennet und Filip entwickelt haben“

Bundestrainer Alfred Gislason war nicht nur Erfolgs-Trainer beim SC Magdeburg und beim THW Kiel. Auch die aktuellen Trainer-Gespanne von Kiel und Magdeburg, Filip Jicha/Christian Sprenger und Bennet Wiegert/Yves Grafenhorst, waren in ihrer aktiven Laufbahn Spieler unter Gislason. Vor dem Duell um den Pixum Super Cup 2022 im PSD BANK DOME in der Sportstadt Düsseldorf zwischen Meister SC Magdeburg und DHB-Pokalsieger THW Kiel spricht Gislason über beide Klubs, die Saison 2022/23 in der LIQUI MOLY HBL und die Nationalmannschaft.

Herr Gislason, Sie kamen 1999 von der SG VfL/BHW Hameln als Trainer zum SC Magdeburg. Wie groß war die Umstellung?

Alfred Gislason: Sehr, sehr groß. In Magdeburg herrschten schon damals hervorragende Bedingungen. Zum Training stand jederzeit eine Halle zur Verfügung. Dabei profitierte der Klub auch von den Strukturen des alten DDR-Systems. Die Trainingsbedingungen sind und waren beim SC Magdeburg überragend. Der THW hat Vergleichbares inzwischen zwar auch, aber damals noch nicht. Für mich war der Wechsel nach Magdeburg ein ganz wichtiger Schritt. Der Verein ist in der Kultur, im Leben der Stadt fest verankert. Das ist vergleichbar mit dem Status und der Bedeutung des THW in und für Kiel.

Sie führten den DDR-Serienmeister SC Magdeburg 2001 zu seinem ersten gesamtdeutschen Meistertitel und 2002 zum ersten gesamtdeutschen Gewinn der Champions League. Kamen diese Erfolge ähnlich überraschend wie Magdeburgs Meistertitel 2022 in der LIQUI MOLHY HBL?

Gislason: Wir hatten damals eine starke Mannschaft. Ich weiß noch, dass Bennet Wiegert seinerzeit im Viertelfinale der Champions League gegen Celje das Spiel seines Lebens gemacht hat.

Sie waren sieben Jahre Trainer des SC Magdeburg, nun geht Wiegert in seine siebte Saison als SCM-Coach. War für Sie früh absehbar, dass Wiegert mal Trainer wird, Erfolgstrainer sogar?

Gislason: Bennet hatte ich schon in der A-Jugend beim SCM erlebt. Er hat immer an sich gearbeitet, sich immer ganz tief mit der Materie befasst. Auch deshalb habe ich ihn gerne als Spieler nach Gummersbach geholt, als ich dort Trainer war. Er wollte immer lernen, Wissen anhäufen. Das hat er übrigens mit Filip Jicha gemeinsam. Auch bei Filip war früh erkennbar, dass er Trainer werden will und bereit ist, dafür hart zu arbeiten.

Die Gislason-Schule?

Gislason: Naja, das weiß ich nicht. Aber ich bin schon stolz, wie sie sich entwickelt haben. Typen wie Bennet und Filip stellen nicht die Arbeit ein, wenn das Training beendet ist. Sie machen immer weiter, sie sind nie fertig. Beide sind zusammen mit Gummersbachs Gudjon Valur Sigurdsson, auch ein ehemaliger Spieler von mir, die Trainer aus der HBL, mit denen ich mich am meisten austausche.

Wiegert hat den SCM zum ersten Meistertitel seit dem unter Ihnen errungenen Triumph 2001 geführt. Hat Sie dieser Titelgewinn ebenso überrascht wie die meisten anderen Beobachter der HBL?

Gislason: Nicht unbedingt. Der Erfolg des SC Magdeburg ist sehr nachhaltig und geduldig geplant. Die Personalpolitik ist klug, das Umfeld und die Sponsoren ziehen mit. Der Erfolg des SCM ist keine Eintagsfliege. Der Klub hat die Substanz, sich dauerhaft an der Spitze zu etablieren.

Von 2008 bis 2019 trainierten Sie den THW Kiel. Waren Sie da ein noch besserer Trainer als einst in Magdeburg?

Gislason: Ich denke schon. Einfach, weil ich inzwischen mehr Erfahrung hatte. Ich wurde in Kiel Nachfolger von einem so renommierten Mann wie Noka Serdarusic. Ich bin dem damaligen THW-Manager und aktuellen HBL-Präsidenten Uwe Schwenker sehr dankbar, dass er mir das Vertrauen gegeben hat, dieses schwere Erbe anzutreten.

Das hat ja mit sechs Meisterschaften, sechs DHB-Pokalsiegen, vier Supercup-Triumphen und zwei Titeln in der Champions League ja auch ganz gut geklappt...

Gislason: Ich habe eben die kluge, weitsichtige Personalpolitik des SC Magdeburg erwähnt, dass dort der aktuelle Erfolg von langer Hand geplant und vorbereitet worden ist. Das gilt natürlich ebenso für den THW. Ich hatte das Glück, dort in einem hervorragenden Umfeld mit hervorragenden Kadern arbeiten zu dürfen.

Zum Beispiel mit einem Top-Profi wie Filip Jicha, der als ihr Nachfolger ebenfalls fleißig Titel mit dem THW sammelt.

Gislason: Es war mein Vorschlag, Filip als meinen Co-Trainer beim THW ans Trainerwesen heranzuführen. Der THW will immer möglichst frühzeitig eine langfristige Planbarkeit auf Schlüsselpositionen. Für mich war klar, dass Filip ein guter THW-Trainer wird.

Unter Ihnen war der THW die überragende Dominanz, national kaum zu bezwingen – mit sechs HBL-Meisterschaften von 2009 bis 2015. Ist eine ähnliche Dominanz wieder denkbar? Dabei gab es 2012 die Saison ohne Minuspunkt – mit 68:0-Zählern, auch schon zehn Jahre her...

Gislason: Nun, ich denke, das Rennen an der Spitze wird enger – und die Spitze wird breiter. Ich glaube nicht, dass der THW Kiel und der SC Magdeburg alleine um die Meisterschaft kämpfen. Die Füchse erwarte ich richtig stark, auch Flensburg wird besser sein als in der Vorsaison. Seit Jahren wartet man darauf, dass der MT Melsungen der Sprung in die Spitzengruppe gelingt. Vielleicht ja dieses Jahr. Sie haben eine starke Mannschaft.

Kommen Sie zum Pixum Super Cup nach Düsseldorf?

Gislason: Natürlich. Das lasse ich mir nicht entgehen. Es wird spannend zu sehen sein, wer dann die Nase vorn hat. Im Finale um den DHB-Pokal war der THW klar stärker als Magdeburg. Aber der THW geht durch die langwierigen Verletzungen von Hendrik Pekeler und Sander Sagosen natürlich mit einem Handicap in die Saison. Da wird vor allem in der Abwehr sehr viel auf Patrick Wiencek ankommen.

Im Januar steht die Handball-WM in Polen und Schweden an. Ist die deutsche Mannschaft dann ein Medaillenkandidat?

Gislason: Wir haben viele gute Spieler. Und in der LIQUI MOLY HBL ist die Leistungsdichte so hoch, dass sich auch junge Spieler toll entwickeln können – wenn sie entsprechende Einsatzzeiten bekommen. Trotz erheblicher Corona-Probleme habe ich auch bei der EM in diesem Jahr gute Ansätze gesehen. Ich freue mich auf die WM.

Foto: Klahn