03.04.2020  REWE Final4

Die Historie des DHB-Pokals: Erst Pflicht, dann Mega-Event

Eigentlich hätte an diesem Wochenende das REWE Final4 2020 stattfinden sollen. Da dieses aber aufgrund der Corona-Pandemie vorerst in den Juni verlegt wurde, zeigt die LIQUI MOLY HBL auf ihren Social Media Kanälen das digitale "Fan REWE Final4" mit den spannendsten Endrundenpartien der Geschichte. Wer mehr über die Historie des DHB-Pokals erfahren möchte, kann diese hier nachlesen. Der Text ist ein Auszug aus dem Jubiläumsbuch "50 Jahre Handball-Bundesliga" von 2016.

Wie sich die Zeiten doch ändern: Wo einst drei Klubs ran mussten, um in einem neu geschaffenen Pokalwettbewerb nach Saisonende den Teilnehmer am Europacup der Pokalsieger zuermitteln, ist im Laufe der Jahre ein eigenständiger Wettbewerb entstanden, der durch die Handball-Bundesliga zu einem der sportlich und wirtschaftlich attraktivsten, spannendsten und hochwertigsten Handballevents weltweit entwickelt wurde.

Diese Wandlung vollzog sich insbesondere, seitdem das Halbfinale und das Finalspiel an einem Wochenende in Form eines Final Four-Turniers ausgespielt werden. Damit ist es der Handball-Bundesliga in vielen Jahren kontinuierlicher Entwicklung gelungen, einen etablierten Platz in der Sportlandschaft Deutschlands und der Welt zu finden. Mit der Entscheidung fürden Standort Hamburg vor mehr als zwei Jahrzehnten bewiesen die damals Verantwortlichendie notwendige Risikobereitschaft und ein feines Gespür für das Wachstumspotenzial. Diesen Ball nahmen die nachfolgenden Verantwortlichen erfolgreich auf. Keine Frage: So wie Berlin für das Pokalfinale der Fußballer steht, so hat sich die Pokalendrunde des deutschen Handballsan der Alster etabliert und ist Aushängeschild für erfolgreichen Spitzensport in Deutschland.

Wer heute über das Final Four des DHB-Pokals spricht, redet über die Premium-Veranstaltungim deutschen und internationalen Handball schlechthin. Mit hochkarätigem Sport, einer kontinuierlich ausverkauften Arena an beiden Spieltagen – pro Tag kommen rund 13.000 Besucher –, mit einem enormen Medieninteresse, mit Live-Übertragungen im Free-TV und mit großem Vermarktungspotenzial. „Im Laufe vieler Jahre“, sagt Ligageschäftsführer Frank Bohmann, „ist es uns gelungen, das Pokalfinale zu einem einmaligen Erlebnis für Spieler, Zuschauer, Sponsoren und Medien in aller Welt zu entwickeln.“

Und das offenbar so erfolgreich, dass auch die Europäische Handballföderation (EHF) auf der Suche nach einem erfolgreichen Konzept für die Champions League nach etlichen Besuchen des Originals in Hamburg das Prinzip des Final Fours „abkupferte“ und nun schon seit 2010 in Köln den Showdown in der europäischen Königsklasse als Final Four-Turnier nach Ligamuster zelebriert. Dass das erste Final Four überhaupt einmal als Vorlage dienen sollte, war keineswegs klar. Die Anfänge der Geschichte des DHB-Pokals ließen wahrlich nicht auf einederartige Erfolgsgeschichte hoffen.

Phase 1: 1975 bis 1992

Die Idee zu einem neuen Wettbewerb kam nicht vom Deutschen Handballbund oder der Handball-Bundesliga. „Geburtshelfer“ war vielmehr die Internationale Handballföderation (IHF), die an ihrem Kongress 1974 in Jesolo (Italien) den Europacup der Pokalsieger aus der Taufe hob – und damit Liga und Verband dazu drängte, einen DHB-Pokal auszuspielen, um damit den Teilnehmer für den neu geschaffenen Wettbewerb zu ermitteln. In den 1970er und 1980er Jahren lag die Administration für sämtliche Europapokalwettbewerbe noch inden Händen der IHF, die Europäische Handballföderation (EHF) gründete sich erst 1991.

In aller Eile wurde in Deutschland ein Modus entwickelt, der zunächst den Deutschen Meister ausklammerte, denn der hatte sich ja bereits für den Europacup der Landesmeister qualifiziert. Ergo spielten bei der Premiere 1975 nur drei Teams um den Pokal: die beiden unterlegenen Halbfinalisten der Deutschen Meisterschaft ermittelten den einen Finalteilnehmer, der dann im Endspiel gegen das unterlegene Team des Meisterschaftsfinals anzutreten hatte.

In den ersten beiden Jahren (1975 und 1976) wurde der Pokalsieger auf diese Weise ermittelt. So kam es, dass Grün-Weiß Dankersen nicht nur in zwei dramatischen Endspielen den Pokal gewinnen konnte, sondern darüber hinaus der einzige Klub ist, der an sämtlichen, bis heute ausgespielten Pokalwettbewerben teilgenommen hat. Mehr noch: Gleich im ersten Finale um den neu geschaffenen Europacup der Pokalsieger waren die Dankerser dabei, unterlagen aber dem spanischen Vertreter aus Granollers. GWD gelang noch ein weiterer Pokalsieg im Jahr 1979.

Erst in der Spielzeit 1976/77 entwickelte sich der Pokalwettbewerb zu einem Wettbewerb nach dem Vorbild des Fußballs. Insgesamt 64 Mannschaften starteten Ende April 1977 nach Beendigung der Meisterschaft, darunter die 20 Teams der beiden Bundesligen Nord und Süd, die 20 Regionalligateams, 13 Oberligisten und elf weitere Teams aus unteren Spielklassen. In nur fünf Wochen wurde der gesamte Wettbewerb am Ende der Saison ausgespielt, der noch immer vorrangig zur Ermittlung des Teilnehmers am Europacup der Pokalsieger herhalten musste.

Den Titelverteidiger und bis dahin einzigen Gewinner des Pokals erwischte es bereits in der zweiten Runde, als Grün-Weiß Dankersen daheim auf die damalige Übermannschaft des VfL Gummersbach traf. Die Gummersbacher, die in den beiden Jahren zuvor als Meister nicht am Pokal teilnehmen durften, gewannen ein dramatisches Spiel mit 22:21 und setzten den Siegeszug bis zum Finale gegen den TV Hüttenberg fort. Allerdings war der Weg des VfL durch das Achtelfinale schwierig, als die Oberbergischen beim Regionalligisten Hamborn 07 mit Mühe einen 20:19-Erfolg einfuhren. Am Ende gewannen die Gummersbacher den „Pott“ und veredelten den Pokalsieg ein Jahr später mit dem ersten Triumph im Pokalsieger-Cup im Finale gegen die damalige jugoslawische Wundermannschaft aus Nis.

In dieser Zeit gelangen dem VfL Gummersbach sage und schreibe fünf Pokalsiege (1977, 1978, 1982, 1983, 1985). Ähnlich erfolgreich war lediglich der TV Großwallstadt, der große Rivale des VfL. Vier Pokalsiege stehen für die Unterfranken zu Buche, wobei es lediglich 1989 zum einzigen direkten Aufeinandertreffen der Gummersbacher und der Großwallstädter kam, das der TVG für sich entscheiden konnte. Neben Erfolgen des TuS Nettelstedt (1981), der beiden Münchner Klubs MTSV Schwabing (1986) und TSV Milbertshofen (1990) tat sich vor allem der TUSEM aus Essen hervor. Das Team von der Margarethenhöhe gewann den Pokal gleich dreimal (1988, 1991, 1992), wobei vor allem die beiden Finalspiele gegen die SG Flensburg-Handewitt in Erinnerung blieben.

Es war zugleich das Finale, das in Hin- und Rückspiel ausgetragen wurde. Das Format hatte sich nach Ansicht der Klubverantwortlichen überlebt. Um dem Pokal größere Akzeptanz und Attraktivität zu verschaffen, schuf man etwas Neues: das Final Four.

Phase 2: 1993 bis 2003

Das erste Final Four in der Geschichte des Pokals begann mit einem Eklat. Als DHB-Präsident Bernd Steinhauser in der Frankfurter Ballsporthalle Hoechst zur Siegerehrung schritt, um der siegreichen SG Wallau/Massenheim – darunter ihr damaliger Trainer Heiner Brand und Nationalspieler Martin Schwalb – den Pokal zu überreichen, fehlte der unterlegene Gegner nahezu komplett. Mit Ausnahme von Torhüter Andreas Thiel und Kreisläufer Christian Fitzek war der TSV Bayer Dormagener, der zuvor das Finale mit 21:24 verloren hatte, erst gar nicht zur Siegerehrung erschienen.

Der Grund: Außenseiter Dormagen fühlte sich gegen die bereits als Meister feststehenden Wallauer von den Schiedsrichtern stark benachteiligt. „Da kommt plötzlich so ein Zwerg daher“, sagte Bayer-Coach Hans-Dieter Schmitz nach Spielschluss, „und zeigt, dass er gegen den Riesen gewinnen kann.“ Das könne man ja nicht zulassen. Wobei Schmitz gleich eine alte Gesetzmäßigkeit bemühte. „Der Teufel sch… bekanntlich immer auf den größten Haufen.“

Ausgerechnet in seinem Abschiedsspiel wurde das deutsche Schiedsrichter-Topgespann Erhard Hofmann und Manfred Prause zum Gegenstand der Wut des Dormagener Trainers. Nicht, weil es in der 41. Minute des Finales Dormagens Rückraumspieler Matthias Schmidt wegen einer Tätlichkeit des Feldes verwiesen und die Bayer-Crew das Spiel nach dem Ausschluss ihres Mitspielers mit sechs Akteuren zu Ende bringen musste. Vielmehr „wegen der Gesamttendenz“, so Schmitz.

Womit ein langer Schatten auf eine Veranstaltung fiel, deren vorrangiger Sinn darin bestand, dem nationalen Pokalwettbewerb, bis zu Beginn der 1990er Jahre eher stiefmütterlich behandelt, zu mehr Reputation zu verhelfen. Zum ersten Mal spielten die letzten vier im Wettbewerb verbliebenen Teams ihren Sieger in Turnierform an einem Wochenende aus. Frankfurt als Austragungsort war zwar mit Bedacht, aber eher unglücklich gewählt worden. Die Konkurrenz eines hochsommerlichen Samstagnachmittags und eines furiosen Finals in der Fußball-Bundesliga machten der Premiere des neuen Formats das Leben schwer.

Gerade mal 2.800 Besucher wollten das Endspiel am Sonntag sehen, an beiden Tagen kamen statt der erwarteten 10.000 Besucher lediglich 6.000. So wurde aus einer finanziell lukrativ erscheinenden Idee nach Abzug aller Kosten ein Zuschussgeschäft. „Am Ende“, so Heinz Jacobsen, als damaliger Ligachef mitverantwortlich für die Idee, „brachte jeder Teilnehmer noch Geld mit.“

Die Verantwortlichen waren sich einig: Das darf sich nicht wiederholen. Und hielten dennoch an der Idee des Final Four fest. Im Mai 1994 trafen sich die SG Wallau/Massenheim, die ihren Titel von 1993 verteidigen konnte, die SG Flensburg-Handewitt, der OSC Rheinhausen und die SG Hameln zum ersten Mal in Hamburg. Die Alsterdorfer Sporthalle war Austragungsort des zweiten Final Four und war mit insgesamt 7.500 Besuchern bei einem etwas kleineren Gesamtbudget ökonomisch noch kein Erfolg, jedoch solide finanziert und schloss mit einer schwarzen Null ab. Dabei hatten die Kritiker immer wieder von der Wahl des Standorts abgeraten.

Hamburg, so hieß es, sei kein Bundesligastandort, die Hamburger selbst kein Handballpublikum. Nach den beiden Tagen von Alsterdorf jedenfalls dürften den Verantwortlichen um Heinz Jacobsen und Manfred Werner mächtige Steine vom Herzen gefallen sein. Wie richtig sie mit der Wahl von Hamburg lagen, wie gut es war, dass sie mutig blieben, zeigte sich bereits 1995. Da war die Alsterdorfer Sporthalle an beiden Tagen restlos ausverkauft, das Final Four in Hamburg angekommen. Das war ganz nach dem Gusto eines Heinz Jacobsen, der nach dem Turnier sagte: „Die Wahl Hamburgs als Austragungsort hat sich als richtig erwiesen.“ Insgesamt 8.600 Besucher an beiden Tagen, mit 117 akkreditierten Journalisten eine ungewöhnlich hohe Medienpräsenz in der Medienstadt an der Elbe und die Livebilder beim DSF füllten die Kasse des Veranstalters so gut, dass jeder Klub am Ende 70.000 Mark mit nach Hause nehmen konnte. Hamburg hatte Gefallen an den Handballern gefunden – und die Handballer an Hamburg.

Nur zwischenzeitlich kam einmal etwas Unruhe auf, als in den zwei Semifinals ausgerechnet die beiden norddeutschen Teams VfL Fredenbeck und THW Kiel die Segel streichen mussten. Die Angst, dass der TBV Lemgo und der HSV Düsseldorf ihr Endspiel trotz ausverkaufter Halle vor leerer Kulisse bestreiten müssen, erwies sich jedoch als unbegründet. Lediglich 1.000 Besucher blieben daheim und verpassten den ersten Pokalsieg des TBV Lemgo, der damals mit dem gerade mal 21 Jahre alten Daniel Stephan auflief.

Im Jahr darauf präsentierte sich der SC Magdeburg unter Trainer Lother Doering als einziges bis dato wiedererstarktes Team aus den neuen Bundesländern und gewann den „Pott“. Von 1998 bis 2000 dominierte der THW Kiel nicht nur den Pokalwettbewerb, sondern auch die Farbgebung auf den Tribünen, da die Zebras stets die größte Fangemeinde mitbrachten. 2001 gewann der VfL Bad Schwartau, der Vorläuferklub des HSV Hamburg, völlig überraschend in einem Viererfeld, in dem neben der HSG Wetzlar und der HSG Nordhorn auch noch GWD Minden qualifiziert waren. 2002 fand das letzte Final Four in der Alsterdorfer Sporthalle statt.

Es war der Abschied und das Ende einer Ära. Der Pokal und sein Final Four hatten in der Sporthalle zu diesem Zeitpunkt alle Grenzen gesprengt und die Handball-Bundesliga war auf der Suche nach neuen Grenzen. Sieger des letzten Final Fours in der Alsterdorfer Sporthalle war der TBV Lemgo, der kurioserweise nur neun Tage nach seinem Triumph Trainer Zbigniew Tluczynski entließ.

„Mit diesem Verein“, ließ sich „Binjos“ Gattin Barbara vernehmen, „will ich nichts mehr zu tun haben. Und mein Mann auch nicht.“ Die Schlagzeilen beim Final Four aber schrieben an jenem Wochenende andere. Bereits am Samstag trafen sich die HSG Nordhorn und der SC Magdeburg zu einem wahrhaft epischen Halbfinale. Zwischen beiden Teams stand es sowohl nach 60 als auch nach 70 und selbst nach 80 Minuten unentschieden (25:25, 29:29, 34:34), sodass erstmals in der Geschichte des Final Four ein Siebenmeterwerfen die Entscheidung bringen musste. Doch auch die ersten Würfe vom Strich brachten keine Entscheidung, nachdem Torsten Jansen auf Nordhorner und Nenad Perunicic auf Magdeburger Seite am jeweiligen Keeper gescheitert waren. Erst in der Verlängerung des Siebenmeterwerfens fiel die Entscheidung, nachdem Dragan Skrbic für Nordhorn vergeben hatte, verwandelte Magdeburgs Olafur Stefansson. Es war ein in jeder Hinsicht würdiger Abschied nach neun Austragungen in Hamburg-Alsterdorf.

Phase 3: seit 2003

Im Dezember 2002 starrten Manfred Werner und Heinz Jacobsen stumm auf den Bildschirm. Die Anspannung war groß, auch bei den anderen Verantwortlichen der sich neu firmierenden Handball-Bundesliga GmbH. Der Kartenvorverkauf für das Final Four um den deutschen Handballpokal sollte starten. Was in den Jahren zuvor ein Selbstläufer war, wurde diesmal ein Wagnis.

Der Grund: Nach neun Veranstaltungen in der altehrwürdigen Alsterdorfer Sporthalle hatten sich die Ligaverantwortlichen dazu durchgerungen, die Pokalendrunde 2003 in der gigantischen und soeben erst fertiggestellten Hamburger Color Line Arena – heute Barclaycard Arena – stattfinden zu lassen. „Ich hatte richtiggehend Bauchschmerzen“, sagte Manfred Werner, der für die Finanzen der Bundesliga zuständig war. „Das Risiko erschien mir doch sehr groß.“

Die Liga hatte lange mit der Entscheidung gerungen, die Alsterdorfer Sporthalle, die der Kartennachfrage der beteiligten Klubs nur noch sehr bedingt nachkommen konnte, zu verlassen und in die supermoderne Arena in Hamburg-Bahrenfeld umzuziehen. Kaum einer war im tiefsten Inneren davon überzeugt, die mehr als 12.000 Eintrittskarten für die Endrunde tatsächlich auch an den Mann bringen zu können. Doch was dann im Netz passierte, übertraf sämtliche Erwartungen und darf getrost als Beginn einer neuen Ära im Pokal bezeichnet werden.

Die Karten gingen weg wie Freibier auf dem Schützenfest. Und dabei standen die vier Endrundenteilnehmer noch nicht mal fest. Natürlich war die Arena im Frühjahr 2003 restlos ausverkauft. Mehr noch: 2007, im Jahr des WM-Gewinns im eigenen Land, lagen der HBL mehr als 70.000 Ticketanfragen vor.

Das Final Four in Hamburg war längst ein Premiumprodukt und das wohl wichtigste und bedeutendste Klubturnier im Welthandball. Davon hatte die Liga in den Jahrzehnten zuvor allenfalls geträumt. Wie groß der Respekt vor der Verdreifachung der Zuschauerkapazität war, verdeutlicht der Umstand, dass die Ligaverantwortlichen vor dem Wechsel in die Color Line Arena laut über einen Umzug nach Oberhausen oder Köln nachdachten. „Ich bin froh, dass der Mut, den wir damals hatten, so belohnt worden ist“, sagte Heinz Jacobsen, damals erster Mann in der Liga, nach dem Umzug. Und für Manfred Werner, der jahrelang als Manager der Flensburger fungierte, war 2003 das Glück perfekt, als Lars Christiansen im Finale gegen TUSEM Essen in der Verlängerung einen Gegenstoß nutzte und die SG Flensburg-Handewitt zum ersten nationalen Titel der Vereinsgeschichte warf.

Es sollte nicht der letzte bleiben. Auch gegen den HSV Hamburg (Asics Final Four 2004) und gegen den Erzkonkurrenten THW Kiel (Lufthansa Final Four 2005) sicherte sich das Team von der deutsch-dänischen Grenze die begehrte Trophäe, gewann sie dreimal in Folge, 2004 sogar im Verbund mit der ersten Meisterschaft. Die SG Flensburg-Handewitt hält allerdings auch einen Negativrekord. Von 2011 bis 2014 qualifizierten sich die Norddeutschen regelmäßig für das Pokalfinale, verloren aber alle vier Spiele. Doch bevor sich das zu einem Trauma auswachsen konnte, gelang 2015 im fünften Pokalfinale in Folge mit Flensburger Beteiligung – auch das ist Rekord – der insgesamt vierte Pokalerfolg. Der Sieg beim REWE Final Four kam wahrlich unter dramatischen Umständen zustande: Gegen den SC Magdeburg, der sich etwas überraschend gegen die Rhein-Neckar Löwen für das Finale qualifizieren konnte, gelang der Triumph erst in einem Siebenmeterwerfen, nachdem das Match nach Verlängerung 27:27 endete.

Es war erst das zweite Mal in der Geschichte des Pokalwettbewerbs, dass ein Finale im sogenannten Shoot-Out entschieden wurde. Dass sich der Pokalwettbewerb durchaus dazu eignet, sich selbst zu erfinden und identitätsstiftend zu sein, belegt das Beispiel des HSV Hamburg. Die Hanseaten, ab 1999 mit der Lizenz des VfL Bad Schwartau unterwegs und ab 2002 als HSV Handball, waren längst eine absolute deutsche Spitzenmannschaft, die aber in der Hansestadt noch immer um Akzeptanz buhlen musste.

Zu wenig Zuschauer, zu wenig Sponsoren: Als noch recht junger Erstligist fehlten dem HSV sowohl Tradition als auch Titel. Das änderte sich schlagartig, als das Team 2006 zwar nur eine durchschnittliche Bundesligasaison spielte, dafür aber den DHB-Pokal gewinnen konnte – mit einem 26:25-Erfolg gegen die SG Kronau-Östringen, dem Vorläuferklub der Rhein-Neckar Löwen. „Ich hatte Tränen in den Augen, so emotional war dieser Moment“, sagte nach Spielschluss HSV-Keeper Goran Stojanović, der in der Schlusssekunde einen Gewaltwurf des Kronauers Mariusz Jurasik parierte und damit den Erfolg möglich machte. So verdichtete exakt diese Sekunde den Startschuss für ein erfolgreiches Jahrzehnt mit der Meisterschaft 2011, einem weiteren Pokalerfolg (2010), dem Sieg im Europacup der Pokalsieger (2007) und dem triumphalen Gewinn der Champions League im Jahre 2013. Leider war das alles nicht von Dauer.

Anfang 2016 meldete der HSV Handball Insolvenz an und verabschiedete sich erst einmal vom Profihandball. Die erfolgreichste Mannschaft der jüngeren Pokalgeschichte allerdings kommt weder aus Flensburg noch aus Hamburg. Gleich sechsmal in sieben Jahren – nur 2010 unterbrochen, als der HSV Hamburg gewann – verließ der THW Kiel die Arena in Bahrenfeld als Sieger und ist mit insgesamt neun Titeln erfolgreichste Pokalmannschaft Deutschlands. Erst als es den Kielern misslang, sich für das Final Four in Hamburg zu qualifizieren – 2014 und 2015 scheiterte der THW an den Rhein-Neckar Löwen, 2016 an der SG Flensburg-Handewitt – war der Weg frei für andere.

Einer davon waren die Füchse Berlin, die unter Dagur Sigurdsson (heute erfolgreicher Bundestrainer) 2014 den Pott holten. Lediglich ein Team hatte bislang in der Hamburger Arena kein Titelglück: die Rhein-Neckar Löwen. Ob Color Line Arena, O2 World oder Barclaycard Arena: Bei insgesamt neun Teilnahmen seit 2006 gelang den Löwen kein einziger Pokalgewinn. Das ist die mit Abstand schlechteste Bilanz im Profihandball.